Mittwoch, 27. November 2013

Deming war endlich im Rampenlicht der landesweiten Öffentlichkeit!

Allerdings aus wenig schmeichelhaften Gründen.

Vor ein paar Wochen erhielt ich von einer Bekannten, die ebenfalls hier  in Deming wohnt, einen im Grunde erschreckenden Zeitungsartikel. Beim Lesen diesen Artikels konnte ich nicht umhin, als mich in meiner von Jahr zu Jahr wachsenden Überzeugung bestärkt zu fühlen, dass dies hier kein Ort zum Leben, sondern allenfalls zum Überleben ist.

Was war passiert?
Ein Unglücksrabe namens David Eckert nahm es letzten Januar mit den Verkehrsregeln nicht so genau und brachte beim Verlassen des Parkplatzes der Großhandelskette Walmart sein Fahrzeug nicht direkt vorm Stoppschild zum Stehen, sondern ein oder zwei Meter dahinter. Während die meisten von uns mit einer solchen Verkehrswidrigkeit unbeschadet davonkommen, war dies für den 54-jährigen David Eckert der Auftakt zu einem folgenreichen Drama.

Anscheinend war ihm die Anwesenheit eines Polizeiautos entgangen. Prompt wurde er angehalten und nach seinen Papieren befragt. So weit, so gut, weil normal. Dann allerdings wurde er aus Gründen, über die ich im Unklaren bin, gebeten, aus seinem Wagen zu steigen. Während er also so herumstand und der Beamte was-weiß-ich überprüfte, machte Herr Eckert einen eklatanten Fehler.

Nein, nicht etwa einen Streit mit der Polizei vom Zaun brechen, oder - schlimmer noch -  auf der Suche nach einem Taschentuch in die Jackentasche greifen (was dann als Griff zur Waffe aufgefaßt werden und hierzulande einem das Leben kosten kann) -, nein er kniff aus irgendwelchen Gründen (Angst? Kälte?) die Pobacken zusammen!

Aus dieser Tatsache schloß der Polizist messerscharf, dass der Verkehrssünder in seinem Anus Drogen schmuggelt! Schließlich ist die Herstellung, der Handel und die Einnahme  illegaler Drogen eines von Demings allgegenwärtigen und größeren Problemen (wovon dieses Kaff leider viele hat), und der Fahrer war für die Gesetzeshüter kein Unbekannter. Er hatte zuvor schon diese Körperöffnung für den Transport von Drogen verwendet. (Auf Ideen kommen die Leute!)

Wohl um die Verdächtigung eines erneuten Drogentransports vom Tisch zu bringen, stimmte David Eckert dem Einsatz eines Spürhundes zu. Als der Vierbeiner dann am Ort des Geschehens eintraf und den Fahrersitz beschnüffelte, schlug er an. Klarer Fall also: Der Hund "bewies," dass Eckert die Schmuggelware in seinem Hinterteil hatte.

Ein Durchsuchungsbefehl (!) war schnell an der Hand. Allerdings nicht etwa für die Durchsuchung von Eckerts Wohnung, sondern - seines Darms! Der Unglücksrabe wurde also ins Krankenhaus verfrachtet, wo man dem diensthabenden Arzt anordnete, sich doch Eckerts Gesäß genauer anzusehen. Der Arzt allerdings weigerte sich, diese Untersuchung durchzuführen, da er sie für "unethisch" hielt. (Dreimal "hoch" auf diesen Arzt!) Die Polizei ließ natürlich nicht locker und brachte den mutmaßlichen Verbrecher ins nächste Krankenhaus, nämlich nach Silver City. Dort war man dann bereit, Herrn Eckert gründlich auf die Finger zu klopfen oder - genauer - selbige, nämlich die Finger, zwecks Untersuchung ins verdächtige Hinterteil zu schieben!

Aber nicht nur das!
Man verabreichte ihm danach gegen seinen Willen einen Einlauf,  und er mußte vor allen Anwesenden - Polizeibeamten und Krankenhauspersonal - auf den Boden kacken. Man stelle sich diese Schmach vor! Kaum zu glauben, aber es kommt noch schlimmer.

Da keinerlei Drogen in den Exkrementen gefunden werden konnten, ging man wohl davon aus, den Einlauf nicht richtig verabreicht zu haben, und der arme Kerl wurde zwei weitere male selbiger Prozedur unterzogen. Das von den Ordungshütern so sehr gewünschte Resultat blieb allerdings aus.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ließ man es allerdings damit nicht endlich auf sich bewenden. Weit nach Mitternacht wurde dann auch noch sein Darm mittels Röntgenapparatur durchleuchtet. Auf hier Fehlanschlag. Keine Drogen konnten gefunden werden.

Da nun schon genug Schaden angerichtet worden war, kam es auf eine gesetzteswidrige Untersuchung mehr oder weniger nicht mehr an! David Eckert wurde eine Narkose verabreicht und einer Darmspiegelung unterzogen. Auch hier: Leere. Zumindest keine Schmuggelware.

Nach 14 Stunden konnte er endlich - traumatisiert - nach Hause gehen.

Als er sich dann einen Anwalt nahm, kamen die Machenschaften der örtlichen Polizei und anderer darin Verwickelter ans Licht der Öffentlichkeit.

Nach Auffasung von Shannon Kennedy, David Eckerts Anwalt, sind jene  Machenschaften  mehr als zweifelhaft, da
  • der Durchsuchungsbefehl nur für Luna County gültig war - nicht für Grant County, zu dem Silver City gehört
  • der Durchsuchsbefehl nur bis 22 Uhr gültig war
  • sein Mandant keiner dieser invasiven Untersuchungen zugestimmt hatte.
Wer will, kann sich hier die Originalartikel - nebst einem Videoclip - anschauen:
Einer meiner Kursteilnehmerinnen erhielt prompt von einer besorgten Freundin aus dem Bundesstaat Minnesota einen Anruf: "Ist das nicht der Ort, wo du lebst?!"
Yep! That's the one!

Freitag, 18. Oktober 2013

Recycling Misere

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann in Deutschland Recycling Pflicht wurde. War das Anfang der 90er Jahre?
Erinnern kann ich mich allerdings lebhaft an den Altpapierstapel auf dem Küchenschrank, den ich stets zu einer Höhe anwachsen ließ, bis auch keine einzige Ausgabe der Rheinpfalz mehr Platz hatte! Auch erinnere ich mich an das Scheppern der unterm Küchentisch angesammelten Flaschen, wenn ich mit einem Fuß versehentlich dranstieß. (Meine letzte Wohnung in Deutschland war wirklich winzig!)

Nun ist das 21. Jahrhundert schon über zehn Jahre alt, und in manchen Gegenden der USA - wie hier in Deming, im südlichen New Mexico - ist Recycling immer noch fast ein Fremdwort.
Bis vor kurzen warf man allen Müll unsortiert in den Abfalleimer, entweder nach Herzens Lust oder mit einem anfänglich noch schlechten Gewissen.

Letztes Jahr änderte sich das, wenn nicht etwa dramatisch, so doch zumindest ein wenig:
Die Stadt stellte einige Container auf, wie die in der Spruce Street:



Wer will, kann nun hier Plastikflaschen, Papier und alte Kartons loswerden.

Alles natürlich auf freiwilliger Basis! Wäre ja noch schöner, hier mit Verordnungen daher zu kommen! Das kommt bei den "freiheitsliebenden" Amis nämlich gar nicht gut an. Dass "Freiheit" nicht unbedingt meint, jeder und jede kann tun - oder unterlassen, was er/sie will, unabhängig vom den Auswirkungen auf die Umwelt, haben die, die hier das Sagen haben, noch nicht begriffen.

Übrigens war das der zweite Versuch der Stadt, Deming - in umweltlicher Hinsicht - näher an die Zivilisation zu bringen. Der erste Versuch scheiterte kläglich. Demings Bewohner benutzten die Container, um sich ihres Unrats aus Küche, Keller, Dachboden und Garten zu entledigen!

Glas?
Das wird weiterhin einfach weggeworfen!

Diesen beklagenswerten Umstand erleichtert lediglich die Tatsache, dass die allermeisten Getränke - Milch, Wasser, Säfte - in Plastikflaschen abgefüllt werden.

Was macht man aber nun mit Wein- oder Bierflaschen?
Man könnte natürlich Anti-Alkoholiker werden.
Dann bleiben aber immer noch die Marmeladen-, Gurken- und Tomatensaucegläsern!

Vor ein paar Monaten hatte ich genug des umweltlichen Unfugs und trug das bißchen bei, das ich beifügen konnte. Ich bat meinen Freund Barry, die Beweisstücke seines Alkoholkonsums aufzubewahren. Nach einem halben Jahr (er trinkt nicht viel und ich so gut wie gar nichts) hatte ich genug, um mein Projekt in die Tat umzusetzen.
Vor ein paar Wochen besprühte ich die Wein- und Bierflaschen mit blauer Glasfarbe und baute mit meinem Mann einen Flaschenbaum:



Hier eine Detailaufnahme:



Die restlichen Bierflaschen steckte ich mit dem Flaschenhals nach unten in den Boden. Mit den Solarlights sehen die vor allem abends eigentlich sehr schön aus.




Der nächste Schritt bestand darin, jedem aus meinem elektronischen Adressbuch ein Email samt Fotos vom oben gezeigtem Bäumchen zu schicken.
Besonders gefreut haben mich die Antworten mit frischen Tips zur Verminderung der lokalen Recycling-Misere:
  • Silver City, die Kleinstadt im Norden an der Bundesstraße 180, hat eine Recyclingstelle, wo auch Glas angenommen wird.
    Da gibt es allerdings zwei Nachteile:
    1. Man fährt ungefähr eine Stunde einfache Fahrt (man denke an das Benzin, das dafür die Luft verpestet)
    2. Wer nicht im Grant County wohnt (Deming gehört zum Luna County), wird bei der Flaschenabgabe zur Kasse gebeten. (Die Höhe der Gebühr kenne ich allerdings nicht.)

    Stell Dir also vor, Du lebst in Darmstadt und mußt nach Frankfurt, um dort Dein Altglas zu entsorgen und mußt dafür auch noch bezahlen!
  • Es gibt in Las Cruces, der nächstgelegenen Einkaufsstadt im Osten von Deming, ein Kaufhaus, vor dem ein Container für Glass steht.
    Nachteil: Auch Las Cruces ist eine Stunde von Deming entfernt.
  • Man kann Glas als Baumaterial und/oder Füllmaterial verwenden.
    Das nun finde ich ungemein vielversprechend!
Nun plane ich eine kunterbunte Wand aus Mörtel und Flaschen aller Farben und Größen!
Und, wie die Schreiberin vorschlug, einen Hügel!
Der würde sich auf unserem ansonsten langweilig flachen Grundstück gut machen!

Einziger, aber schwerwiegender, Nachteil: 
Ich müßte entweder eine Säuferin werden oder noch viele Jahre in Deming bleiben, bis ich all die notwendigen Flaschen beisammen hätte!
Da ziehe ich doch lieber um!

Und die Marmeladen- und Spaghettisaucegläser?
Die werden demnächst in schöne Behälter verwandelt und VERSCHENKT!

Montag, 7. Oktober 2013

Auf dem Wege zur amerikanischen Staatsbürgerschaft: Teil 3

Der letzte Akt, nämlich die Einschwörungszeremonie, war der angenehmste.

Diesmal mußte ich nur nach Las Cruces (eine Stunde Fahrtzeit anstelle der zwei ein halb bis nach El Paso).

Laut Anschreiben sollte ich um 8 Uhr im Convention Center sein. Da es sich um einen feierlichen Anlaß handelte, wurde ich außerdem gebeten, nicht in kurzen Hosen, T-Shirt oder mit Flip Flops aufzutauchen.

Also habe ich mich schick gemacht und - da Freunde und Familie ausdrücklich willkommen waren - nahm meinen Mann und zwei enge Freunde mit.

Bei unserer Ankunft hatte sich schon eine lange Schlange vor dem Eingang gebildet. Diesmal wurde viel geschwatzt und gelacht, und auch die ersten Fotos wurden geschossen.

"Meine" Beamtin vom Einbürgerungsinterview (siehe letzter Blogeintrag) stand direkt vor der Eingangstür mit einer langen Namensliste. Wir begrüßten uns herzlich.
In der großen Halle drinnen wurden alle Begleitpersonen angewiesen, sich in den hinteren Teil des sich nebenan befindlichen Saales zu setzen. Alle zukünftigen Staatsbürger/innen stellten sich erneut in eine Schlange, um dann ihre Greencard abzugeben und um die Einbürgerungsurkunde sowie eine Kopie davon zu unterschreiben. Dann erhielt ich einen großen Umschlag mit der Nummer 109.

Im großen Saal hieß es dann also den Sitz mit der Nummer 109 zu finden. Vor lauter Aufregung lief ich etliche Reihen ab, bis ich endlich den gesuchten Sitzplatz gefunden hatte.

Danach geschah - nichts! Geschlagene zwei Stunden lang! Es dauerte nicht lange und die anfängliche freudige Erregung war einer gähnenden Langeweile gewichen. Wann fangen die denn endlich an? Worauf warten die denn? fragte ich meine Sitznachbarinnen, die auch nur mit den Schultern zuckten. Die Nachbarin zu meiner Linken, eine junge Vietnamesin, hatte sich von draußen ein Programm geholt, dass sie nun öffnete und mir dann wortlos reichte. Da stand es, schwarz auf hellblau: Die Zeremonie würde erst um 10 Uhr beginnen!

Wie verbringt man nun eineinhalb Stunden, in denen absolut gar nichts geschieht? Es gab noch nicht einmal Neuankömmlinge zu begutachten, da spätestens um 8:30 Uhr alle anwesend waren. Meine Nachbarinnen rechts und links wußten sich zu helfen. Die hatten ihre "Smart Phones" dabei und texten und sandten Emails, was das Zeug hielt. Mir - mit meinem "Dumb Phone" - blieb nichts anderes übrig, als nun zum dritten mal die sich im Umschlag befindlichen Papiere herauszuholen und anzuschauen: Ein Heft mit dem Wortlaut der "Declaration of Independence" und der "Constitution," ein Büchlein - "The Citizen's Almanach" - mit dem Abdruck anderer, für die USA wichtiger Texte, eine Brochüre über die Eintragung ins Wählerverzeichnis, eine Hochglanzkarte, die über staatsbürgerliche Rechte und Pflichten sowie über weitere Schritte (wie z.B. die Beantragung eines amerikanischen Passes) aufklärte und - in einem separaten Umschlag - eine "Message from the President of the United States," in der Obama die Neubürger willkommen heißt.  Außerdem enthielt der Umschlag ein US Fähnchen.

Punkt zehn Uhr war es dann endlich soweit. Die Zeremonie begann. Polizeibeamte in prachtvoller Uniform betraten den Saal und marschierten schweigend im Gleichschritt zum Podium, wo sie die US Fahne und die Fahne von New Mexico rituell aufstellten. Genauso rituell und genauso schweigend verließen sie dann den Saal. Eine Frau erschien und sang a capella die Nationalhymne, The Star Spangled Banner. Eine Friedensrichterin machte nun einige einleitende Bemerkungen und stellte die von der Einwanderunsbehörde anwesenden Beamten vor. Ich erfuhr, dass wir 142 Anwärter/innen aus 19 unterschiedlichen Ländern waren. Als nächstes wurden alle diese Länder - mit einer Ausnahme - alphabetisch aufgerufen und wir sollten bei der Nennung unseres Landes aufstehen und stehenbleiben. Ich war die einzige aus Deutschland. Als "Mexiko" am Schluß aufgerufen wurde, erhoben sich mindestens drei Viertel aller Anwesenden. In einer nun folgenden richterlichen Erklärung wurde uns allen offiziell und feierlich die Staatsbürgerschaft gewährt und wir legten den Eid auf die USA ab. Die Sängerin sang nun "America the Beautiful." Nachdem der Hauptredner, ein Kollege der Friedensrichterin, seine Rede - an die ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann - beendet hatte, wurden zwei Videoclips gezeigt: der erste mit einer Ansprache Obamas für uns Neubürger, der zweite mit Naturschönheiten dieses Landes und "Proud to be American" als Soundtrack. Bei letzterem wurden wir angehalten, doch  unser Fähnchen zu wedeln!

Es gab noch andere Elemente dieser Veranstaltung, die ich hier auslasse.
Das Ende war dann lang. Jeder Neubürger/jede Neubürgerin wurde mit Namen aufgerufen, lief dann nach vorne zum Podium, schüttelte den beiden Friedensrichtern die Hand und erhielt die Einbürgerunsgurkunde. Wer Freunde und Angehörige mit Fotoapparaten dabei hatte (was bei den meisten natürlich der Fall war), stellte sich zwischen den beiden Richtern in Pose. Wenn die Fotographierenden dann mit der Bedienung ihres Apparates nicht vertraut waren, konnte das dauern, bis endlich der oder die Nächste aufgerufen werden konnte! Den beiden Richtern taten mit Sicherheit am Abend noch von all der Lächelei die Mundwinkel weh!

Bei meiner Ankunft beim Podium fragte mich die Richterin, "where do you come from?" (Vielleicht, weil mein Name so "un-spanisch" ist?) "Germany," antwortete ich kurz und bündig. "How wonderful!" entgegnete sie. (Vielleicht, weil ich - aus einem Land kommend mit niedriger Arbeitlosenrate und höherem Lebensstandard - in diesem Augenblick eine Abwechslung darstellte?)

Erschöpft, müde und irgendwie glücklich verließ ich um 1 Uhr mit meinem Anhang das Gebäude. Unsere Freundin lud uns alle zum Essen ein. Wir speisten -  französich!

Montag, 30. September 2013

Auf dem Wege zur amerikanischen Staatsbürgerschaft: Teil 2

Ungefähr vier Wochen nach der Fingerabdruckprozedur (s. letzter Blogeintrag) erhielt ich von der Einwanderungsbehörde das Anschreiben mit dem Interviewtermin in El Paso.

Ich wußte, dass ich einen Englischtest bestehen mußte, dass aus einem Pool von 100 Fragen zum Regierungsaufbau, zur Geschichte und Geographie des Landes zehn Fragen gestellt werden, und dass ich mindestens sechs davon richtig beantworten mußte.

Vorbereitungsmaterial gab es genug. Von der Webseite der „US Citizen and Immigration Services“ (kurz USCIS, die offizielle Bezeichnung der Einwanderungsbehörde) konnte man sich eine PDF - Datei herunterladen und ein kurzes Video über den Ablauf des Interviews ansehen. Am hilfreichsten fand ich das „Learning About the United States“ – Heft, das ich bei meinem Fingerabdrucktermin erhalten hatte (s. letzter Blogeintrag).

Schwierig waren diese Fragen nun wirklich nicht: „Welcher Ozean liegt im Westen der USA?“  „Wer lebte in Amerika vor der Ankunft der Europäer?“ „An welchem Tag feiert die USA ihre Unabhängigkeit?“

Mein Termin war um 9 Uhr; laut Anschreiben sollte ich allerdings eine halbe Stunde vorher erscheinen. In der Nacht zuvor hatte ich vor lauter Aufregung kaum ein Auge zugemacht. Völlig übermüdet packte ich mich also am nächsten Morgen um 6 Uhr ins Auto und nahm zur seelischen Unterstützung meinen Mann mit. Und los gings. Der dichte Morgenverkehr half, mich vom Bevorstehenden abzulenken.

Punkt 8:30 Uhr kamen wir an. „Tief ein- und ausatmen!“ befahl ich mir, klemmte die Brieftasche mit den angeforderten Dokumenten unterm Arm, betrat das Gebäude und konnte es kaum fassen, dass der Sicherheitsbeamte am Eingang uns - freundlich entgegenlächelte.
Nachdem ich ihm das USCIS - Anschreiben überreicht hatte, unsere Taschen vom Laufband ins Innere befördert und wir ohne Alarm auszulösen durch die Schleuse getreten waren, deutete der Beamte auf einen kleineren Warteraum hinter jener großen, direkt vor uns befindlichen Wartehalle, an die ich denkbar schlechte Erinnerungen hatte.

Vor vielen Jahren mußte ich im selben Gebäude persönlich einen Antrag auf eine Ersatz-Greencard stellen. (INS, wie die Behörde sich damals nannte, hatte meine erste Greencard auf „Monica“ ausgestellt anstelle auf „Monika,“ was diese Karte ungültig gemacht hatte!) Damals war jene große Wartehalle vollbesetzt, und mehrere Sicherheitsbeamte umkreisten die dort Sitzenden, als hätten sie es mit Schwerverbrechern zu tun. Ich mußte über vier Stunden warten, und, da ich kaum etwas gegessen hatte, wurde mir schlecht und zittrig.

Diesmal allerdings war jene Halle fast menschenleer, und wir nahmen in der angewiesenen kleineren Wartehalle Platz. Mein Mann durfte ohne Weiteres mit. (Bei meinem oben erwähnten früheren Besuch war er auf sehr unfreundliche Weise hinausgebeten worden.) Der allgegenwärtige Fernseher lief. Kaum jemand sprach. Ich war die einzige Europäerin. Die schick gekleidete Latina auf dem Stuhl vor mir war mit ihrer Anwältin da. Einige hatten das Learning about the US-Büchlein auf den Knien und versuchten, in letzter Minute sich die Antworten einzuprägen.

Jedesmal wenn die Seitentür aufging und der eine oder die andere Beamtin heraustrat, um jemanden aufzurufen, blickten wir Wartenden erwartungsvoll auf. Einige Beamte schauten netter aus als andere. Manchmal ging die Tür auf, nur um jemanden herauszulassen. Wir noch Sitzenden studierten dann die Gesichter: Ist da ein erleichtertes Lächeln? Warum schaut denn der so ernst aus? Was bedeutet das denn?

Die Wartezeit zog sich hin wie Kaugummi. Nach ungefähr 30 Minuten hatte ich wohl alle an diesem Morgen Dienst habenden Beamten kurz erspäht. „Den oder die hätte ich gern,“ dachte ich bei so manchem Gesicht. „Den bulliger Typ hier lieber nicht!“ Ein dünner, hellhäutiger Beamte brachte uns dann alle zum Lächeln. „A whole bunch of nervous faces this morning!” rief er irgendwann aus.

„Meine“ Beamtin war dann eine meiner „Wunschkandidatinnen!“ Mit einem breiten Lächeln gab sie mir die Hand und bat mich, ihr zu folgen. In ihrem Büro angelangt, stellte sie sich mit ihrem Namen vor. Ihr folgendes „How are you?“ beantwortete ich ehrlich: “Ich bin nervös.“ „Nein! Sie haben überhaupt keinen Grund, nervös zu sein! Wir hatten einige Fälle heute morgen, die waren  . . . “  Sie machte eine entsprechende Handbewegung und ließ den Satz unbeendet. „But everything will be fine with you.“

Alle Nervosität war mit einem Schlag verschwunden. Es ist schon erstaunlich, was Worte ausmachen können!

Nachdem ich den Schwur abgeleistet hatte, nichts als die reine Wahrheit zu sagen, bat sie mich, Platz zu nehmen und wies auf die Süßigkeiten in einer Schale auf ihrem Schreibtisch hin, für den Fall, dass ich nichts gefrühstückt hätte.

Dann ging es weiter mit dem Englischtest: Sie gab mir ein Blatt Papier mit drei Sätzen und bat mich Satz Nr. 2 zu lesen: „What is the largest state of the US?“ Das konnte ich nun wirklich fehlerfrei lesen! Der zweite Teil des Englischtests bestand aus einem „Diktat:“ „Alaska is the largest state” diktierte sie, und mit einem Seufzer der Erleichterung schrieb ich den Satz auf. „Ist das hier Ihr “r”?“ fragte sie mit einem Blick auf mein Geschreibsel. Nachdem ich ihr versichert hatte, dass es sich bei diesem Haken tatsächlich um ein echtes „r“ handelte, schwatzten wir über Grundschulen und Handschriften.

Die Fragen zum Aufbau der Regierung, zur Geschichte etc. waren denkbar einfach und genau so gestellt wie in jenem Learning about the US - Büchlein.
Nachdem ich ihr Frage Nr. 6 „What ocean is on the West Coast of the US?“ mit “the Pacific Ocean” beantwortet hatte, tauschten wir unsere Vorliebe für den Pazifik und unsere Abneigung gegen die Wüste aus.

Dann ging sie durch meinen Antrag durch und kopierte das eine oder andere Dokument, das ich mitgebracht wie z.B. alles rund um meinen Strafzettel, den ich im letzten Jahr wegen Zuschnell-Fahrens erhalten hatte. (Letzteres nicht ohne mir vom letzten Strafzettel ihres Mannes zu erzählen).

Ein Teil der Fragen auf dem Monate zuvor eingereichten Formular betraf meinen „good moral character.“ Gefragt wurde da z.B. „Sind Sie ein Trinker?“ „Haben Sie jemals als Prostituierte gearbeitet?“ „Sind Sie spielsüchtig?“
Wahrheitsgemäß hatte ich alles natürlich mit „nein“ beantwortet.

Interessanterweise ging meine Beamtin nun diese Fragen nochmals mit mir durch. Allerdings wohl mehr wegen bestimmten Vorschriften, denen sie Folge leisten mußte. Denn mein Charakter schien nicht wirklich zur Debatte zu stehen: Hinter diesen „good moral character“ – Fragen fügte sie mit einem Rotstift das Häkchen hinzu, noch bevor ich mit einem entsprechenden „nein“ antworten konnte.

Alles in allem war ich eine Stunde lang in ihrem Büro. Die Zeit verflog sehr schnell.

Am Ende gratulierte sie mir zum bestandenen Interiew und geleitete mich hinaus. Mit einem breiten Grinsen trat ich zurück in den Warteraum, wo mein Mann erleichtert aufschaute.

Damit war ich allerdings immer noch nicht Staatsbürgerin!

Fortsetzung folgt . . .

Freitag, 27. September 2013

Auf dem Wege zur amerikanischen Staatsbürgerschaft: Teil 1

Vor ein paar Monaten war es nun endlich soweit! Nach über zwölf Jahren in den USA fühlte ich mich bereit, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. 
Anfang Juni hatte ich dann das entsprechende Formular ausgefüllt und abgeschicht. 

Schon ungefähr zwei Wochen später flatterte die Benachrichtigung in den Briefkasten mit Angaben, wann und wo ich zur Fingerabdruckprozedur zu erscheinen hatte.

Laut dieser Benachrichtigung  sollte ich um 9 Uhr beim "Application Support Center" in El Paso auftauchen. Das Schreiben machte mich außerdem darauf aufmerksam, dass ich keine Begleitperson mitbringen dürfe - "wegen mangelnden Sitzgelegenheiten." (Und Handys, Fotoapparate, etc. seien auch nicht erlaubt.)

Also stand ich in aller Herrgottsfrühe auf und machte mich um 6:30 auf den Weg, da ich mit Morgenstaus rechnete. Nun ist El Paso allerdings doch wohl nicht ganz so schlimm wie Mannheim/Heidelberg. Ich segelte ohne Stau durch Downtown El Paso, kam um 8:30 an und stellte mit Erstaunen fest, dass etliche schon vor mir angekommen waren und draußen warteten. Ich hatte erwartet, dass das so ähnlich wie in einer Arztpraxis zugehen würde: Jeder/jede hat seinen/ihren eigenen Termin.

Als ich aus dem Auto ausgestiegen und allen Paperkram zusammengesucht hatte, war die Eingangstür auch schon geöffnet worden. Ich betrat das Gebäude und ein mürrischer Beamte gab mir ein Formular, wies auf das Drehregal mit den Schreibunterlagen und gab mir einen Stift. Ich bedankte mich artig und nahm Platz, um den Wisch auszufüllen. Gefragt wurde nach dem Namen, Telefonnummer, Größe, Gewicht, Augenfarbe, Haarfarbe usw. Beim Überreichen des ausgefüllten Bogens machte ich Mr. Mürrisch darauf aufmerksam, dass ich beim besten Willen nicht wüßte, was meine "Antragsnummer" wäre. Da lächelte er endlich und sagte väterlich, dass er das für mich ausfüllen würde. Gesagt getan.

Nach einem Blick auf mein mitgebrachtes Anschreiben, meiner Greencard und meinem nun vollständig ausgefüllten Formular, fragte er mich dann nach meinem Mädchennamen. 
"It's the same as my current name" („Der ist derselbe wie mein derzeitiger Name.“) Eine leichte Furche bildete sich auf seiner Stirn. „Ich habe meinen Namen behalten,“ fügte ich hinzu in der Hoffnung, dass diese Angelegenheit damit geklärt sei. War sie auch; er nickte, gab mir das "Learn About the United States" - Heft und fügte hinzu: „Wir rufen Sie unter dem Buchstaben V auf."

Also setzte ich mich wieder auf einen Stuhl. Der Fernseher mit einem Programm über den Einbürgerungsprozeß war zu weit im vorderen Teil des Raumes, als dass ich es hätte verfolgen können. Es herrschte eine eigenartige Stimmung in diesem Warteraum: Keiner von denen mit den Buchstaben von A bis U (also um die 20) sprach.

Punkt 9 Uhr öffnete sich eine Seitentür, eine nette Dame kam heraus und gab präzise Anweisungen, wo welche Buchstabengruppe sich im Raum nebenan hinsetzen solle. Schweigsam nahm jeder und jede Platz. Mit Erleichterung stellte ich fest, dass drei Angestellte - und nicht etwa nur eine - für die Fingerabdruckprozedur zuständig waren, jede an ihrer eigenen "work station." „Legen Sie bitte Ihre Ohrringe ab," kam dann von einer der Frauen.

Verdutzt wandte ich mich zu meiner rechten Sitznachbarin. "Warum das denn?"
„Wir werden fotografiert," antwortete sie, mürrischer als Mr. Dann-Doch-Nicht-Mehr-So-Mürrisch. Also nahm ich meine Klunker vom den Ohren und faßte mich in Geduld. Mit meinem "V" konnte ich schließlich nicht auf ein baldiges Verlassen des Gebäudes hoffen.

Mir fiel auf, dass alle außer mir "Hispanics" waren; auch die drei Assistentinnen fühlten sich offensichtlich mit Spanisch wohler als mit Englisch. Der junge Typ zu meiner linken hatte einen mexikanischen Pass in seinem Schoß und lächelte mich ein paar mal verlegen an. Wir alle beobachteten unsere Vorgänger, um uns einen Eindruck davon zu verschaffen, was uns erwartete. Und das war dann wirklich nichts schlimmes.

Als ich endlich an die Reihe kam (als Vorletzte; das "W" war ein paar Minuten nach mir erschienen), wurde ich gebeten, auf einem Stuhl seitlich der Fingerabdruckstation Platz zu nehmen, während die junge Angestellte Daten eingab. Dann winkte sie mich zu sich, nahm ganz sachte meine Finger und legte zuerst die ganze Hand auf eine Glasplatte, dann jeden einzelnen Finger. Die Maschine biepte und die Abdrücke erschienen auf einem Bildschirm. „Machen Sie das den ganzen Tag lang?" fragte ich. “Den ganzen Tag lang," antwortete sie. Es entwickelte sich ein kurzes, nettes Gespräch über ihren Arbeitsplatz. Ich erfuhr, dass sie gerne eine andere Stelle hätte, „aber es gibt hier in El Paso keine Arbeit.“ Sie bat mich, wieder auf dem Stuhl Platz zu nehmen, da sie nun ein Foto von mir machen müßte. Wir scherzten, ob ich lächeln dürfe oder nicht. „Sie können lächeln. Sie dürfen nur nicht Ihre Zähne zeigen.“
Schließlich gab sie mir meine Greencard zurück, samt dem ursprünglihen Anschreiben mit ihren Initialen als Beleg und eine gelbe Karte: Customer Satisfaction Survey (Umfrage zur Kundenzufriedenheit).

Ich nahm nochmals kurz im ersten Warteraum Platz und kreutzte „gut" zu allen Fragen an. „Ausgezeichnet" wäre doch übertrieben gewesen! Es hätte allerdings auch schlimmer sein können. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ ich die Karte dann durch einen Schlitz in die dafür bereitgestellte Box fallen und trat hinaus.
Der hier ewig blaue Himmel und 39° Grad im nicht vorhandenen Schatten begrüßten mich.



Freitag, 13. September 2013

Regen!

Alles ist hier so ziemlich extrem: eine äußerst unfreundliche Vegetation, krabbelnde, kriechende oder springende Tiere, mit denen man besser nicht in Kontakt kommt, Hitze, Sandstürme und natürlich ein eklatanter Mangel an Regen. Letzterer trägt zu einer Trockenheit bei, die den Bauern Existenzängste einjagt und die Stadtväter und - mütter eine Verordnung herausgeben läßt, derzufolge man nur zu bestimmten Zeiten die Pflanzenwelt bewässern darf.

In diesem Jahr nun regenet es. Nicht nur - wie in all den Jahren zuvor - ein paar Tröpfchen hier und da, und das nur an zehn Tagen im gesamten Jahr!
Nein, in der diesjährigen Regenzeit gießt es! Tagelang! Im Radio kündigte man heute morgen sogar Evakuierungen aus Gebieten an, die von Überschwemmung bedroht sind! Und das in der Wüste!

Es folgen ein paar Fotos aus der Stadt und Umgebung, die ich heute morgen aufgenommen habe.


Die Stadt hat aus Kostengründen und aus Mangel an Regen keine Kanalisation. Sobald dann Mutter Natur beschließt, etwas mehr als die übliche Portion auf Deming auszuschütten, stehen viele Straßen unter Wasser.



Es sind gut zehn Jahre her, seit ich von der Brücke über den Mimbres River auf der Bundesstraße 377 Wasser gesehen habe. Der Fluß fließt hier unterirdisch, und nur bei besonders starkem Regenfall schwellt er dermaßen an, dass er auch über der Erde sichtbar wird.



Die Kreuzung von der Bundesstraße 377 und der Lewis Flats Road ist unter Wasser, zur Freude meines Smokey.



Auf der Lewis Flats Road!



Die Wolken hängen tief über den eh schon niedrigen Little Florida Mountains. 



Wie kommt es nun zu Überschwemmungen? Das hier ist kein ausgetrocknetes Bachbed, sondern ein "Arroyo." Wenn es z. B. in der Gila Wildernis im Norden von Deming ordentlich regnet und die Wassermassen vom steinharten Boden nicht mehr aufgenommen werden können, sucht sich das Wasser von selbst einen Weg nach unten. Über die Jahrhunderte nun haben sich diese Arroyos gebildet, mehr oder weniger tiefe Furchen im Erdboden, in denen das Regenwasser herunterrauscht. 

Je nach Intensität und Dauer des Regens können sich "flash floods" bilden, während denen innerhalb von Sekunden oder auch weniger Stunden eine meterhohe Wasserfront herunterdonnert, die alles mit sich reißt. 

Das ist ein anderes, schmäleres "Arroyo" auf der Straße zum Rockhound State Park. An seiner Tiefe kann man sich die Kraft des Wassers vorstellen.



Man sollte also zur Regenzeit Schilder wie dieses ernst nehmen:


Falls man sich auf einer Straße befindet, die ein Arroyo durchquert, also einen "dip" macht, ist man gut beraten, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen und die vor einem liegende Vertiefung nach Wasser abzusuchen. Falls zuviel Wasser über die Straße fließt, wartet man besser oder kehrt um! 


Mittwoch, 3. Juli 2013

Wasser bitte!

Nun hat es zwar kürzlich geregnet (einmal, um genau zu sein), und die Temperaturen sind merklich gesunken (auf 34°), allerdings darf man sich hier davon nicht täuschen lassen. Es ist lediglich eine Frage von Tagen, bis die Hitze wieder jenen Grad erreicht hat, den man guten Gewissens als "brutal" bezeichnen kann.

Mitte Mai schon kletterte das Thermometer auf 35°, Mitte Juni dann auf schweißtreibende 41°.
Diese Angaben gelten ja, wie Ihr wißt, für den Schatten. Da dieser hier nicht gerade üppig vorhanden ist. ist man, sobald man aus dem Haus tritt, viel höheren Temperaturen ausgesetzt.

Vor kurzem wurde ich Zeugin eines hochinteressanten Email-Austauschs über die Vorzüge und Nachteile zweier sehr unterschiedlicher Städte. Ein Schreiber wohnt in Phoenix - im Bundesstaat Arizona gelegen, der andere in der kolumbianischen Stadt Medellin.
Welche Stadt nun wird in diesem Austausch als "lebensgefährlich" bezeichnet? Medellin natürlich!

Falsch geraten! "Das Leben in Phoenix ist doch regelrecht lebensgefährlich," schreibt da der in Medellin Wohnende.
Weil dort etwa mehr Schurken als in der kolumbianischen Metropole ihren Mitbürgern auflauern?!

Wieder falsch! Es ist die Hitze, die der Schreiber ins Felde führt!
Phoenix ist einer der heißesten Städte der USA. Vor kurzem wurden dort Temperaturen von 47° gemessen und Hundeeltern davor gewarnt, ihre Vierbeiner länger als zehn Minuten Gassi zu führen.

Nun ist Phoenix um ein paar Grad heißer als Deming (es wird hier höchstens schlappe 42° heiß), allerdings kann man sich auch hier ganz leicht in Lebensgefahr begeben.
Man gehe folgendermaßen vor:
  • Besucht dieses Wüstenkaff vorzugsweise vor Beginn des Monsunregens, also Anfang oder Mitte Juli.
  • Ihr habt lange geschlafen und begebt Euch um 11 Uhr ins Museum, um dort die Wegbeschreibung zum Fort Cummings zu erstehen. 
  • Abenteuerlich gestimmt begebt Ihr Euch auf den Weg und biegt von der Bundesstraße 26 auf die unbefestigte Cook's Canyon Road und folgt der Wegbeschreibung zum Fort.
  • Dort steigt Ihr aus, um Euch die Überreste genauer anzuschauen. Eure zwei mitgebrachten Wasserflaschen habt Ihr zu diesem Zeitpunkt schon zur Hälfte ausgetrunken.
  • Da Ihr allerdings wenig Erfahrung mit der Hitze habt - und schließlich sind die Wasserflaschen noch halb voll, beschließt Ihr, nach Westen in den Skeleton Canyon weiterzufahren. Schließlich sind das laut Wegbeschreibung nur wenige Meilen.
  • Im Skeleton Canyon merkt Ihr, dass Ihr Euch eigentlich ein Auto mit Allradantrieb hättet mieten müssen. Die Räder drehen durch und Ihr bleibt fast stecken.
  • Also steigt Ihr aus und geht ein paar Schritte zu Fuß durch diesen einsamen, schattenlosen Canyon, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Schauplatz grausamer Apachenüberfälle war (daher auch der Name!).
  • Nach einem halben Kilometer oder so habt Ihr auch den letzen Rest Eures Wassers ausgetrunken, und Ihr geht - langsamer nun - zurück zum Auto.
  • Dort angekommen seht Ihr, dass einer der Reifen vollständig platt ist.
    Eure mechanischen Fertigkeiten lassen zu wünschen übrig, Ihr seid natürlich in einem Funkloch, das Handy funktioniert also nicht, und seit Ihr von der Bundesstraße abgebogen seid, habt Ihr keine Menschenseele gesehen. 
  • Falls Ihr den Reifen wechseln könnt und falls Ihr nicht an Herzerkrankungen leidet, werdet Ihr diese Episode wahrscheinlich überleben.  Schwindlig, zittrig, mit Kopfschmerzen, Herzrasen und aufgesprungenen Lippen werdet Ihr in Deming ankommen und Euch beim erstbesten Schnellrestaurant - was dann Burger King wäre - einen Becher Wasser erbitten ("a cup of courtesy water, please").
  • Falls Ihr keine Ahnung vom Reifenwechsel habt oder - schlimmer noch - erst gar keinen dabei habt, seid Ihr in ernsthaften Schwierigkeiten.
Es muß natürlich nicht der Skeleton Canyon sein. Auch die Florida Mountains bieten ausreichend und ausgezeichnete Gelegenheiten für derlei Survival-Tests.

Wie sieht der Prozeß des Verdurstens eigentlich aus?

  • Der Mund trocknet aus, ein Belag bildet sich
  • Die Lippen springen auf
  • Die Augen treten in die Augenhöhlen zurück
  • Die Wangen fallen ein
  • Die Nase blutet, weil die Schleimhäute austrocknen und aufspringen
  • Die Haut wird faltig und schuppig, da der Körper soviel an Wasser verliert, dass er schrumpft
  • Das letzte Wasserlassen brennt wie Feuer wegen der erhöhten Konzentration von Urin
  • Die Magenschleinhäute trocknen aus, Brechreiz setzt ein
  • Die Körpertemperatur erhöht sich
  • Zu diesem Zeitpunkt sind alle Organe geschrumpft, da der Körper ihnen Wasser entzieht, um Herz und Gehirn zu schützen
  • Schließlich sterben die Gehirnzellen doch ab, was zu Zuckungen, Sprach- und Gehstörungen und Halluzinationen führt
  • Dann trocknen die Lungen aus
  • Koma/Verlust des Bewußtseins
  • Tod
Wenn man gesundheitliche Probleme hat und eh schon dehydriert ist, dauert das Ganze hier in der Wüste ungefähr einen Tag.

Die Einheimischen setzen sich dieser Gefahr natürlich nicht aus.
Wer hier diesen grausamen Tod stirbt, kommt meist von der anderen Seite der Grenze.
Auf der Suche nach Arbeit versuchen viele, illegal die Sonora -Wüste im südlichen Arizona oder die Chihuahua-Wüste im südlichen New Mexiko zu durchqueren. Oft nur unzureichend ausgerüstet werden sie dann von Menschenschmugglern ihrem furchtbaren Schicksal überlassen. Schätzungen nach kommen jahrlich etwa 150 bis 250 auf diese Weise ums Leben.

Während der fünfmonatigen Hitzeperiode sehen viele Grenzschutzbeamte ihre Rolle als Lebensretter. Oft kommen sie allerdings zu spät und finden lediglich die mummifizierten Leichen oder nur noch ein paar unidentifizierbare Knochen. (Hier könnt Ihr mehr zu diesem Thema lesen: http://www.nytimes.com/2012/06/22/opinion/migrants-dying-on-the-us-mexico-border.html?_r=2&)

Aber zurück zu Euch:
Oktober ist der schönste Monat hier. März/April ist auch eine gute Zeit für die Abenteuerlustigen unter Euch, die gerne Gegenden "off the beaten path" auskundschaften wollen.
Packt aber mehrere Wasserflaschen ein! Unabhängig von der Jahreszeit! Denn die Luft hier ist so trocken, dass sie dem Körper auch im Winter Feuchtigkeit entzieht.

Ich wünsche uns allen einen wunderschönen Sommer -  mit viel Sonnenschein für Euch im Norden und für Euch auf der anderen Atlantikseite, und mit ordentlichen Monsunregenschauern für uns, die hier leben!

P.S. Ich habe letztes Wochenende eine meiner Blogleserinnen aus Las Cruces persönlich kennengelernt! Hat mich echt gefreut!

Freitag, 24. Mai 2013

Als Ausländerin in New Mexico

Wenn meine Mutter ihren Unmut gegenüber Menschen, die eine andere Sprache sprachen, zum Ausdruck bringen wollte, sagte sie mit dem verächtlichsten Unterton, den sie aufbringen konnte:  „Das ist ja ein Ausländer!“ oder „Das ist ja eine Ausländerin!“  Als meine Schwester sich dann einen Griechen als Freund zulegte, hing natürlich der Haussegen für eine Weile recht schief. Als Halbwüchsige war für mich von daher die Vorstellung, selbst mal Ausländerin zu sein, nicht allzusehr verlockend. Und meine Erfahrungen als deutsche Studentin in Zürich waren auch nicht sehr ermutigend.

Dennoch hatte ich hier in den USA von Anfang an keinerlei Befürchtungen. In den fast zwölf Jahren, in denen ich hier lebe, habe ich genau drei gegen mich gerichtete fremdenfeindliche Äußerungen gehört.

Die erste kam von einem Patienten am Krankenhaus in Yuma, im Bundesstaat Arizona. „We do not need you here!“ Ich habe vergessen, wie unser Gespräch daraufhin weiterging.

Die zweite und dritte Bemerkung kamen dann recht schnell hintereinander und zwar zu der Zeit, als die USA gerade mit dem Irak Krieg angezettelt und Deutschland sich geweigert hatte, da mitzuspielen. Ein Bekannter, den wir bei Wal-Mart trafen, murmelte zähneknirschend mit einem Blick auf mich etwas von dem „crap the Germans do to us,“ („crap“ kann mit „Kacke“ übersetzt werden) und dann im Besucherzentrum des Rockhound State Parks, wo ich einen „visitor pass“ erstand und die Dame sich nach meiner Nationalität erkundigte. „We won’t hold it against you.”  Meine Gegenfrage, “Why should you?” blieb natürlich unbeantwortet.

Glücklicherweise dauerte es ja nicht lange und die Öffentlichkeit begann, den Irak-Krieg als „Invasion“ zu bezeichnen und zu kritisieren. Damit konnte ich mich wieder sicher fühlen.

Nun bringt allerdings das Leben so nahe an der mexikanischen Grenze eine Unannehmlichkeit mit sich, die man als Ausländer/in ansderswo nicht hat: Man kommt aus Deming kaum heraus oder – wenn man von Columbus, dem Dorf direkt an der Grenze, kommt - nicht hinein, ohne eine Grenzschutzkontrolle zu passieren. Und die haben sich während der letzten Jahren vervielfältigt.

Die umfangreichste ist die „Border Control Station“ auf der I 10 (Autobahn 10), einige Meilen östlich von hier. Zwar kann man nach Las Cruces durchfahren; in entgegengesetzter Richtung allerdings müssen alle Fahrzeuge anhalten, und die Fahrer werden von Grenzschutzbeamten nach ihrer Nationalität befragt. Da mein Mann und ich vergleichsweise hellhäutig sind und wohl eher recht harmlos aussehen, werden wir oft einfach durchgewinkt. Wenn nicht, muß ich dann meine Greencard vorweisen. Nun ist das natürlich kein großer Aufwand und die Beamten sind i.d.R. sehr höflich, dennoch ist das stressig. Ich nehme an, es handelt sich hier um ein ähnliches Phänomen wie der leicht erhöhte Blutdruck in einer Arztpraxis. Allein die Tatsache, es mit einem Arzt zu tun zu haben – hier mit einem Beamten – ist „aufregend.“

Bei der Autobahn-Kontrolle werden auch Spürhunde eingesetzt, da man ja nicht nur Illegale einfangen will, sondern auch Drogenschmuggler. Es kann dann schon mal passieren, dass die Vierbeiner falschen Alarm schlagen, wenn man besonders leckeres Hundefutter im Kofferraum transportiert!

Die Kontrollen auf den Bundesstraßen, der 180 nach Silver City und der 26 nach Hatch, werden nur ab und zu aufgebaut. Dort nehmen sich die Beamten dann mehr Zeit, spähen schon mal durch die Scheiben in den Innenraum des Autos, fragen nach dem Woher und Wohin und plaudern gerne mit den Fahrern.  Desöfteren machen die auch nette Bemerkungen über mein Heimatland: “It’s really pretty there!” „I love Germany!“

Die Kontrollstation auf der Bundestraße 11 - von Columbus kommend - ist nun eine ständige Einrichtung. Wenn man also kurz zum Einkaufen oder beim Zahnarzt in Mexiko war, muß man zweimal durch die Kontrollen: die direkt an der Grenze, wo die Beamten manchmal ausgesprochen garstig sind, und am Highway 11, kurz hinter Columbus.

Wie gesagt, das ist alles keine große Schikane, vor allem, wenn man bedenkt, dass ja alle - die Staatsbürger/innen und die mit einer Greencard - diese Kontrollen passieren müssen.

Falls Ihr also hierher zu Besuch kommt, vergeßt nicht, Euren Paß oder Eure Greencard stets griffbereit zu haben! Ich weiß nicht, wie die Beamten reagieren, wenn Ihr Euch nicht ausweisen könnt. Ich habe mir sagen lassen, dass das dann nicht lustig ist!

Abgesehen von den Grenzschutzbeamten wollen natürlich auch andere wissen, woher man kommt. Schließlich meistern die wenigsten von uns Deutschsprechenden eine akzentfreie Aussprache des amerikanischen Englisch. (Ich fühle mich immer ganz gebauchpinselt, wenn jemand fragt, ob ich aus England bin!) Die Reaktion ist durchweg positiv, und der Frager erzählt entweder von seinen deutschen Vorfahren, die anno dazumal hier eingewandert sind, oder von schönen Urlaubstagen am Rhein oder in München.

Ich denke, es ist viel einfacher, hier Ausländerin zu sein als z.B. in Ludwigshafen am Rhein, wo ich aufwuchs.

An alle, die hier leben, was sind Eure Erfahrungen?

Dienstag, 23. April 2013

Sandstürme


Die Wüste ist mit einem Element reichlich gesegnet: Sand! Feiner, pulveriger Sand!
So lange selbiger dort bleibt, wo er hingehört, nämlich am Boden,  ist alles - einigermaßen - in Ordnung.
Wenn dieses Zeug aber mit Geschwindigkeiten von über 70km per Stunde durch die Luft gewirbelt wird, ist der Ofen aus.

Kurz: Die alljährlichen Sandstürme im Frühjahr sind meteorologische Ereignisse, denen jeder und jede hier eher mißmutig entgegenschaut. Und das hat gute Gründe:

1. Die Bewegungsfreiheit ist äußerst beschränkt:
Da die Sichtweite sich erheblich reduziert, werden alle Bundesstraßen gesperrt, vor allem - und als erste - die Bundesstraße 11, die nach Columbus führt, einem Dorf direkt an der mexikanischen Grenze. Die Landschaft rechts und links dieser Straße besteht nämlich hauptsächlich aus - Sand.
Wenn der Sturm so stark ist wie letzten Mittwoch, wird sogar die Autobahn gesperrt!
Man kommt also dann aus Deming nicht heraus oder nicht hinein.

2. Das hat dann widerum andere, nicht gerade erfreuliche Konsequenzen:
Einige meiner Teilnehmer an meinen Yogakursen konnten nicht kommen. Dan z.B. war an jenem verhängnisvollen Morgen zum shopping nach Mexiko gegangen und mußte dann bis zum späten Abend in Columbus ausharren, da die Straße nach Deming gesperrt war. (Ich habe keine Ahnung, wie er die vielen Stunden in jenem Kaff verbrachte!) Maria war nach Las Cruces gefahren und sah sich gezwungen, bei einer Freundin zu übernachten, da die Autobahn ebenfalls unpassierbar war.

3. Einkaufen bei der lokalen Großmarktkette Wal-Mart war an diesem Tag regelrecht ein gefährliches Unterfangen und der Parkplatz mutierte zu einem äußerst unangenehmen Aufenthaltsort - nicht nur, weil er von Brummifahrern wimmelte, die dort vor dem braunen Unwetter Zuflucht gefunden hatten.
Schlimmer: Mein Mann wurde von einem unbemannten, aber vollgepackten  Einkaufswagen attackiert! Ein Kunde hatte den Griff losgelassen, um den Kofferraum seines Autos zu öffnen. Dieser Augenblick genügte und eine starke Windböe verselbstständigte den Einkaufswagen, der mit wachsender Geschwindigkeit über den Parkplatz segelte. Nachdem er vom Bein meines Mannes abgeprallt war, setzte er unbeirrt seine Fahrt fort. Die Schürfwunde und die unverzüglich sich einstellenden Schmerzen hielten meinen Mann verständlicherweise davon ab, sich um den Verbleib und das Schicksal seines Angreifers zu kümmern!

4. Auch die ohnehin schon mühevolle "Gartenarbeit" wird nach einem solchen Wetterereignis nicht gerade einfacher. Meine nun zwei Jahre alten, liebevoll hochgezogenen Minibäumchen müssen nun mit Wasser abgespritzt werden, da der feine Pulverstaub die Poren verstopft und ihr heißersehntes Wachtstum behindert. (Schließlich kann ich es kaum erwarten, dass die Bäumchen groß genug sind, um SCHATTEN zu spenden! Bis jetzt ist nämlich jener nur groß genug, um meinen Hunden Lisa und Smokey einen in der Gluthitze einigermaßen angenehmen Aufenthaltsort zu bieten.)

5. Der feiner Sand kommt durch jede noch so kleine Ritze, was besonders erfreulich ist für jeden/jede, der/die den Frühjahrsputz gerade beendet hat.

Das Foto vom letzten Mittwoch ziegt einen beherzten Autofahrer auf unserer Straße. Man beachte, dass kein nennenswerter Unterschied besteht zwischen der Farbe des Erdbodens und der des Himmels!

Sonntag, 17. März 2013

Sie dürfen in den Staaten nicht alt und krank werden!

Ich habe Schwester Christas Warnung noch deutlich und hörbar im Ohr!

Nachdem sie erfahren hatte, dass ich drauf und dran war, in die USA auszuwandern, lud sie mich zu einem langen Spaziergang im herbstlichen Pfälzer Wald ein, um mir von ihren Erfahrungen als Krankenschwester in Texas zu erzählen. Mit oben genannter Warnung verabschiedete sie sich.

Nun stimmt es in der Tat, dass man hier das Krank-Werden besser bleiben läßt. Allerdings macht es in keinem Alter Spaß, sich mit Krankenkassen, astronomischen - und oft ungerechtfertigten - Krankenhausrechnungen und mit den Apotheken herumzuschlagen.

Altwerden dagegen scheint hier bei weitem nicht in dem Ausmaß von Isolation geprägt zu sein, wie ich das von Deutschland her in Erinnerung habe.
Hier eine Liste meiner Bebachtungen:

  • Es ist keine Seltenheit, 80-Jährige mit ihrem Laptop bei McDonald oder im "Coffee Shop" anzutreffen
  • Unabhängig vom Alter verläßt man und frau nicht ohne Handy das Haus.
  • Das Ehrenamt wird sehr ernst genommen. So manche Einrichtung müßte ohne Ehrenamtliche entweder den Laden dichtmachen oder könnte bestimmte Dienstleistungen nicht anbieten:
    Die Rezeption des lokalen Krankenhauses (und das in Yuma, wo ich ein Jahr lang arbeitete) wird von Ehrenamtlichen geschmissen. Die sind meist in ihren späten 70-ern. Dasselbe gilt für den Geschenkeladen.
    Das Foto zeigt Nita, stolz in der Snackbar des Krankenhauses stehend, die sie beaufsichtigt.

    Das hiesige Museum hat nur eine Angestellte. Alle anderen sind Ehrenämtler.

    Ehrenamtiche Mitarbeiter/innen betreiben Essen auf Rädern, fahren Krebskranke zu ihren Arztterminen nach Silver City und Las Cruces und Kriegsveteranen nach El Paso und Albuquerque und unterhalten "Deming Helping Hands," wo sich Bedürftige mit Klamotten eindecken können.

    Habitat for Humanity ist eine tolle Einrichtung, die ärmeren Mitbürgern beim Hausbau hilft. Wer dort Hammer und Meißel schwingt, ist i.d.R. über 60 und tut das in seiner Freizeit.
  • Zwar wird es auch hier mit zunehmendem Alter schwieriger, eine Arbeitsstelle zu finden, es ist aber nicht unmöglich. Meiner Freundin Hasani z.B. wurde im zarten Alter von 70 Jahren eine Stelle als Beraterin in einem Krankenhaus angeboten. Übrigens verschickt man hier den Lebenslauf an potentielle Arbeitgeber ohne ein Foto. Auch das Geburtsdatum behält man - zunächst einmal - für sich.
  • Selbstständigkeit, also ein "business" anzufangen, ist immer eine Möglichkeit, egal welchen Alters. Das AARP Magazine - eine Zeitschrift für  solche, die sich entweder dem Ruhestand nähern oder sich im selbigen befinden, beschreibt immer wieder solche, denen es mit 57 oder 67 glückte, nochmals ganz von vorne anzufangen.
    Das Beispiel einer 89-Jährigen machte vor ein paar Tagen Internet-Schlagzeilen: Pearl Malkin brauchte $3500, um ihre Geschäftsidee, Krücken einen modischen Chick zu geben und dann zu verkaufen, gewinnbringend  umzusetzen.
    Hier ist der Link: http://money.cnn.com/2013/03/15/smallbusiness/grandma-kickstarter-startup/index.html?eref=mrss_igoogle_business
    Das Interessante hier ist, dass sie nicht nur nicht für verrückt erklärt wurde (". . . in ihrem Alter . . . !!"), sondern dass innerhalb von nur wenigen Wochen die benötigte Summe bei Kickstarter eingegangen war.
    Übrigens, Pearl sieht einfach klasse aus!)
Vielleicht hängt die eher optimistische und offene Haltung damit zusammen, dass die Baby Boomer Generation hier alle die zwischen den Jahren 1946 und 1964 Geborenen umfaßt, also viel stärker ist als in Deutschland.

Was meint ihr?
Was sind eure Beobachtungen?

Samstag, 9. Februar 2013

Wie wohnt man hier eigentlich?

Ich erinnere mich lebhaft, als ich im Herbst 1999 zum ersten mal hier im Südwesten durch Städte wie Tucson und Ortschaften wie Safford und Silver City fuhr. Ich konnte mich an den Straßen und Häusern kaum sattsehen, sah doch alles so ganz anders aus, als ich es von Deutschland gewohnt war.

Wie wohnt man hier eigentlich?
Nun folgen einige Fotos, die ich gestern hier in Deming, NM aufgenommen habe, nebst einigen Kommentaren:




Diese drei Häuser sind auf meiner Straße und gehören mit einem Preisschild von mindestens $300 000 zu den teureren Exemplaren.
(Ich möchte geflissentlich hinzufügen, dass unser Häuschen bei weitem bescheidener ausfällt als die obigen Beispiele!)

Ihr könnt auf den obigen Fotos auch die unterschiedlichen Stile erkennen, die hier in friedlicher Eintracht nebeneinander errichtet werden : Ein älteres Ranchhaus, ein Haus im "Southwest Style" (hier sehr beliebt) und ein Haus im "mixed style."

Eine andere Besonderheit sind die "55+ Communities:" Das sind Gruppierungen von einheitlich gebauten Häusern - manchmal sogar eingezäunt, in denen man nur dann ein Haus erwerben kann, wenn man selbst - oder der Ehegatte - mindestens 55 Jahre alt ist. Diese Regelung hat den unschätzbaren Vorteil, dass man vom Kindergeschrei und lauten Stereoanlagen verschont bleibt. Allerdings muß man manchmal mit lauten Fernsehern der Nachbarn vorlieb nehmen. Schließlich sind die älteren Herrschaften oftmals schwerhörig!

Hier folgen einige Fotos vom "Country Club Estate," einer der exclusiveren "55 + communities," wo alle Häuser im "Southwest Style" gebaut sind:





Die Häuser im Country Club Estate waren vor dem Zusammenbruch des Immobilienmarkts in 2008 relativ teuer. Man mußte für ein Haus wie das obige um die $230 000 hinlegen. Wir kennen einige, die dort wohnen, mittlerweile aus Deming wegziehen wollen (ein nicht seltenes Phänomen), aber festsitzen, da auf dem heutigen Immobilienmarkt der Wert ihres Grundstücks erheblich gefallen ist. Wer Geld genug hat, verkauft sein Haus trotzdem - oft unter starken Verlusten.

Was ist eigentlich ein Haus im "Southwest Style?"
Ein solches Haus ahmt die mit luftgetrockneten Lehmziegeln (Adobe genannt) errichteten Pueblos und die ebenso gebauten ursprünglichen Häuser in Santa Fe nach (deshalb auch die Bezeichnung "Santa Fe Style Home").
Was allerdings bei den neuen Häusern aussieht wie Adobe ist nichts weiter als herkömmlicher Mörtel.
Weitere Charakteristika des Southwest Style Home sind hohe Decken, sichtbare Balken, flache Dächer, eine runde Feuerstelle, eingebaute Abstellsimse, ein eingezäunter Innenhof, und warme, erdige Farben drinnen wie draußen.
Solche Behausungen werden dann natürlich auch entsprechend mobliert. Biedermeier oder high-tech wäre äußerst unpassend! Die Nähe zu Mexiko macht es Besitzern relativ einfach, passende rustikale Möbel und anderes Zubehör günstig zu erstehen.

"Mobile Home Parks" stellen eine andere Variante des abgeschirmten Wohnens dar. Ein "mobile home" ist eine Behausung, die mal auf mindestens vier Rädern an ihren Bestimmungsort - hier der Mobile Home Park - gebracht wurde.




Die "mobile homes" in dem "park" in der Tennyson Street sind meist sehr gepflegt, aber älter, kleiner (diese sogenannten "single wides" haben nicht mehr als 90 qm), die jeweils auf einem kleinen Grundstück stehen. Man kann ein solches "single wide" in einem "park" wie diesem für $20 000 erstehen. Allerdings bleibt das Stückchen Erde, auf dem diese Dinger stehen, im Besitz des "parks" und man muß monatlich eine Art Miete für das Land von ungefähr $300 bezahlen.

Apropos "mobile homes:"
Hier in Deming, bei Solitaire an der Bundesstraße 549, werden sie gebaut und versandfertig zusammengesetzt. Heute werden diese Fertighäuser allerdings nicht mehr "mobile homes," sondern "manufactured homes" oder "modular homes" genannt.




Das zweite Foto zeigt ein "single wide," das - wie der Name impliziert - schmaler ist und in einem Stück geliefert wird. Für die Belieferung eines "double wide" (drittes Foto)  braucht man zwei Lastwägen: die vordere und hintere Hälfte müssen getrennt verschickt werden.

Die Kosten für ein neues "single wide" belaufen sich um die $40 000; für ein "double wide" - oder gar "triple wide" kann man, je nach Größe, bis zu $180 000 hinblättern. (Mittlerweile gibt es ökologisch gebaute Fertighäuser mit Solarzellen und allem drum und dran für über $300 000! Die werden allerdings nicht bei Solitaire gebaut.)
Dass dieser Fertighäuser komplett mit Herd, Kühlschrank, Microwellenofen, Einbauschränken, Badewannen etc. kommen, macht diese Art von Behausung sehr attraktiv.
Da Land hier relativ günstig ist, stellt ein solches Fertighaus eine beliebte und preiswerte Alternative zum "site-built home" dar.

Ich hätte am liebsten ein Haus im ältesten Teil der Stadt gekauft, der knapp südlich der Autobahn liegt. Die Häuser hier haben oft zwei Stockwerke, sind um die 100 Jahre alt und haben viel Charme.
Hier ein Beispiel:


Diese Behausungen sind allerdings entweder unerschwinglich (zumindest für unser Budget) oder so sehr heruntergekommen, dass man jahrelang viel Arbeit und viel Geld hineinstecken muß.

Der weitaus größere Teil des älteres Stadtteils sieht allerdings weniger exklusiv aus:


Obwohl Deming und Luna County zu einem der ärmsten Gebiete der USA gehören, wohnen die meisten Leute in Häusern. Das hat gute Gründe:

  • Hausbesitz gehört zum "American Dream."
  • Gerät man in eine Notlage und wird man z.B. von der Wohlfahrt abhängig, kann man hier nicht gezwungen werden, sein Haus zu verkaufen und in eine Wohnung zu ziehen.
  • Die Hypothekenzahlungen sind manchmal niedriger als die Mieten.
Allerdings muß ich hinzufügen, dass, was hier als "Haus" bezeichnet wird, in anderen Teilen des Landes oder in Deutschland lediglich als "Hütte" oder "Bruchbude" durchgehen würde.

Ein großer Teil der Stadt sieht so aus:







Und wie sehen nun die Wohnhäuser aus?
Mietshäuser wie in Deutschland sucht man hier vergebens. Wohnungen findet man in Apartment "Villages," wie das "Mariposa Village," ebenfalls - wie der Mobile Home Park - in der Tennyson Street gelegen.
Hier sind Apartmenthäuser wie große Einfamilienhäuser gebaut, die aus vier Wohnungen bestehen, zwei Eingänge nebeneinander vorne, zwei auf der hinteren Seite des Hauses. Diese "Villages" haben dann meist auch einen Gemeinschaftsraum und einen Waschsalon.




Und die Mieten?
Vor ein paar Jahren habe ich mich da mal Spaßes halber erkundigt. Falls mein Gedächtnis mich nicht trügt, beläuft sich die Miete für ein "2-bedroom apartment" um die $600. Mariposa Village verfügt allerdings über eine bestimmte Anzahl von öffentlich geförderten Wohnungen, die dann denen mit einem kleineren Budget vorbehalten sind.

Wie oben schon erwähnt, wohnen wir in einem kleinen, älteren Bauernhaus vvon 137 qm. Für uns und unsere beiden Vierbeiner ist das Platz genug!

Und wie wohnt Ihr?
Wieviel qm habt Ihr zur Verfügung?
Seid Ihr mit Eurer Wohnungssituation zufrieden oder wollt Ihr Euch verändern?

Donnerstag, 3. Januar 2013

Schon wieder Ärger mit den Weihnachtskarten!

Gestern kam die letzte - verspätete - Weihnachtskarte. Adressiert an Mr. and Mrs. John Smith.

("Smith" ist - glücklicherweise - nicht der richtige Nachname meines Mannes.)

Schauen wir uns das doch einmal etwas genauer an!
  1. Jeder/jede, der/die dieses Anschriftenformat benutzt, nennt zuerst den Mann, dann die Frau. (Auch wenn der Schreiber mit dem weiblichen Teil der Familie besser bekannt ist!) Ich habe noch keinen Umschlag mit "Mrs and Mr Soundso" gesehen.
  2. Genaugenommen komme ich da gar nicht vor: Mein Vorname ist nicht "John," mein Nachname ist nicht "Smith."
  3. Ich bin ein Anhängsel: "Mrs" = Mr + Miss, also ein Fräulein, das per Heirat einem Mister angehängt wurde. 
So angesprochen zu werden, geht mir doch jedes mal ganz gewaltig über die Hutschnur!

Letztes Jahr, ich meine in 2011, war ich so stinkesauer, dass ich Wochen vor dem alljährlichen "Weihnachtskartenanschlag" an alle meine Kursteilnehmer eine Email sandte mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass sie doch BITTE ihre Karte an Ms (nicht Mrs!) Monika Meier (nicht mein wirklicher Name) und John Smith schicken sollten. 

Nun verstehe ich ja die allgemeine Annnahme, dass die Frau den Nachnamen ihres Gönnergatten angenommen hat. Schließlich machen das die meisten - auch in Ländern, die einen höheren Grad an Gleichberechtigung kultivieren. (Die USA ist auch da etwas hintendran.)

Aber ich kann doch erwarten, dass jedem/jeder mit auch nur einem einzigen Blick entweder auf meinen Namen oder auf meine leibliche Erscheinung klar wird, dass mein Vorname nicht "John" sein kann!

"Aber das ist doch hier der Brauch!" wagten einige Kursteilnehmerinnen zu entgegnen! 
Meine Anwort: "In einigen Ländern ist es Brauch, dass die Frau für Ehebruch gesteinigt wird! Oder dass sie ohne männliche Begleitung nicht aus dem Haus darf! Bräuche drücken doch etwas aus! Was also drückt es aus, dass hier die Frau - namensmäßig - vollständig hinter ihrem Mann verschwindet?!" 

Blutdruck erhöhende Weihnachtskarten - zumindest von meinen Teilnehmern - blieben im Jahre 2012 aus. 
Nur eine einzige, so schädlich adressierte Karte landete im Briefkasten. Ich zog es geflissentlich vor, mich für jene nicht zu bedanken.

Als wir noch ein Festnetztelefon hatten, wurden wir wöchentlich mehrmals von Telemarketern belästigt. (Ein anderes trauriges Kapitel hier.) Die Telefonate waren stets kurz und bündig! 

Anrufer: "Kann ich mit Herrn John Smith sprechen?"
Monika: "Nein." (Auch wenn mein Mann mir gegenüber saß.)
Anrufer: "Sind Sie Frau John Smith?"
Monika: "Natürlich nicht!"
Anrufer: . . . . 
Monika: . . . .
Anrufer: . . . . .
Monika (um die Sache kurz zu machen): "Ich heiße doch nicht John!"
Anrufer: "Das weiß ich, aber . . . "
Monika: "Warum reden Sie mich dann so an?!" Klick (Hörer aufgelegt)

Ich erfreue mich ungemein an der vagen Hoffnung, zur Entwicklung eines Fortbildungskurses für Telemarketer beigetragen zu haben, in dem den Teilnehmenden eingetrichtert wird, die "Frau des Hauses" nicht mit dem Namen des Gatten anzusprechen. 

Heute morgen beförderte ich jedenfalls die gestrige Karte genußvoll in den Abfalleimer. Sie war nicht für mich bestimmt und ohnehin nichtssagend. Ihre Entsorgung stellt damit auch für John keinen Verlust dar. 

Auf einer Party

Letzten Samstag waren wir auf einer Neujahrsparty eingeladen.

(Ja, ich weiß! Es war nicht der 31., sondern der 29. Man nimmt es hier manchmal mit dem Datum nicht so genau.)

Eine Kollegin latte mich und meinen Mann zu ihrer Pecanfarm in Hatch eingeladen. Es war das erste mal, dass wir in ihrem Haus waren.

Hatch ist ein kleines Dorf mit ungefähr 1700 Einwohnern auf der Bundesstrasse 26 gelegen und damit eine Stunde nordöstlich von hier. Dort werden Pecannüsse, Zwiebeln und vor allem Chile angbaut. Zum allsommerlichen Chile-Festival kommen Tausende aus Nah und Fern.

Aber zurück zu jenem kalten Dezemberabend letzten Samstag:
Mein Mann und ich haben uns - wieder mal - pudelwohl gefühlt.

Nun bin ich weiß Gott keine Partygängerin und bevorzuge das Einzelgespräch bei Tee und Keksen.
In Deutschland war es mir oft ein Graus, auf eine Party zu gehen, wo ich niemanden kannte.

Seit ich allerdings im südlichen New Mexico lebe, sind alle Partyängste vergessen.
Hier die Liste der Gründe:

  • Die Party beginnt meist recht früh. Spätestens um sieben sind alle da. Im Klartext: Man ist noch relativ frisch und kann sich "gescheit" unterhalten. 
  • Einer der Gastgeber stellt in der Regel jeden Neuankömmling allen vor. D.H. man wird an die Hand genommen - oft im wörtlichen Sinne - und der Reihe nach jedem/jeder, der/die schon da ist, vorgestellt. Auf diese Weise fühlt man sich gleich zu Hause und gewinnt schnell einen Überblick, mit wem man dann später bei passender Gelegenheit ein längeres Gespräch führen möchte.
  • Fast jeder/jede bringt etwas, auch wenn es auf der Einladung heißt "just bring yourself." Für den Gastgeber/die Gastgeberin ist das natürlich ein ungeheuerlicher Vorteil, da nicht alles selbst gekocht, gebrutzelt und gebacken werden muß. Und der Gast hat das gute Gefühl, etwas beigesteuert zu haben. 
  • Es gibt keinen "dress code." Man ist willkommen in Jeans oder im elegantem Kleid. Und mit Sicherheit finden andere Partygänger etwas an der Aufmachung zum Bewundern, zumindest wenn man zum weiblichen Gesclecht gehört! Übliche Kommentare sind z.B.: "I love your necklace!" "Where did you get this gorgeous scarf?" Etc. 
  • Es kommen Leute ganz unterschiedlichen Alters und von ganz unterschiedlichen Berufszweigen.
    Letzten Samstag lernten wir z. B. eine Schneiderin kennen, eine Lehrerin, eine Zeitungsverlegerin, einen Nußbauer, einen Mechaniker und einen angehenden Schauspieler. Letzterer ist in seinen 20ern, Bob, der älteste auf der Party, ist um die 75. Da der normale Mensch von Natur aus neugierig ist, ist so für genügend Gesprächsstoff gesorgt. Außerdem ist man dadurch oft außer Konkurenz; das Bedürfnis, sich aufzuspielen versiegt (i.d.R.). 
  • Amis - in diesen Breiten zumindest - sind sehr freundlich, entgegenkommend und lächeln gern. Es ist wirklich einfach, auch mit einem "Wildfremden," den der Gastgeber vielleicht bei der oben erwähnten Vorstellungsrunde übersehen hat, ins Gespräch zu kommen
  • Man kann früh nach Hause gehen, ohne sich erklären zu müssen. Um acht oder halb neun aufzubrechen wird nicht als Ausdruck dafür gewertet, das es einem vielleicht nicht gefiel. 
Alles in allem sind Partys hier anregend und erfrischend! 
Falls Ihr also hierher zu Besuch kommt und eingeladen werdet, nur Mut! Auch - und gerade - wenn Euer Englisch nicht perfekt ist.

Übrigens ist es üblich, sich hinterher mit einer "Thank You" - Karte oder anderswie zu bedanken